Gelsenkirchen-Ückendorf – Zeche Alma & Zeche Rheinelbe
Industrielles Erbe zwischen Kohle, Kunst und Wandel
1. Die Route der Industriekultur

Die Route der Industriekultur ist ein Projekt des Regionalverbandes Ruhr (RVR) und verbindet als touristische Themenstraße die bedeutendsten Industriedenkmäler des Ruhrgebiets miteinander. Trotz ihres Namens handelt es sich nicht um eine einzelne Strecke, sondern um ein weitverzweigtes Netz aus Museen, Ausstellungen, Panorama-Aussichtspunkten und historisch bedeutsamen Arbeitersiedlungen.
Das Netzwerk gilt als das weltweit umfangreichste touristische System zur Erschließung des industriekulturellen Erbes einer zusammenhängenden Region. Jährlich entdecken mehr als sieben Millionen Besucher die Geschichte des Ruhrgebiets entlang dieser Route. Als sogenannte „Regionale Route“ ist sie zudem Teil des europäischen Netzwerks ERIH – European Route of Industrial Heritage.
1.1 Struktur und Umfang
Die Route umfasst folgende zentrale Elemente:
- Eine ca. 400 km lange ausgeschilderte Ferienstraße, die alle Attraktionen einschließt
- Insgesamt rund 700 km Radwegnetz im Rahmen der Route der Industriekultur per Rad
- 27 Ankerpunkte, darunter Besucherzentren und technik- sowie sozialgeschichtlich bedeutende Museen
- 15 Aussichtspunkte mit Panoramablick in die Industrielandschaft
- 13 besichtigbare Arbeitersiedlungen als Themenroute
- 25 Themenrouten zu über 500 Industrie- und Technikdenkmälern
Das zentrale Besucherzentrum ist das Welterbe Zollverein in Essen, das als „Portal der Industriekultur“ umfangreiche Informationsmöglichkeiten bietet. Alle Ziele sind durch braune Hinweisschilder mit weißer Schrift ausgewiesen.
1.2 Gelsenkirchen und die Themenroute 30
Im Dezember 2021 wurde die Themenroute 30 „Gelsenkirchen – Stadt der tausend Feuer“ veröffentlicht. Die von dem Historiker Michael Clarke, dem Sozialwissenschaftler Harald Glaser und der Archivarin Claire Duwenhögger verfasste Route beinhaltet 74 Standorte und dokumentiert den Wandel Gelsenkirchens von einem ländlich geprägten Dorf zur Industriestadt.
Ab den 1850er Jahren wandelte sich das überwiegend agrarisch geprägte Gebiet in eine industriell bestimmte Stadt mit zahlreichen Arbeitersiedlungen. Ab den 1960er Jahren begann ein tief greifender Strukturwandel, der Gelsenkirchen und seine Bevölkerung bis heute prägt.
2. Der Stadtteil Ückendorf
Ückendorf liegt im Südosten der Stadt Gelsenkirchen, an der Stadtgrenze zu Bochum-Wattenscheid und Herne-Wanne, und ist der größte Stadtteil des Stadtbezirks Gelsenkirchen-Süd. Im Norden und Westen grenzt Ückendorf an die Gelsenkirchener Stadtteile Bulmke-Hüllen, Neustadt und Rotthausen.
2.1 Historische Entwicklung
Im 19. Jahrhundert bestand die Gemeinde Ückendorf nur aus einigen wenigen Bauernhöfen. Im Jahre 1855 zählte Ückendorf bereits 337 Einwohner und gehörte als Bauernschaft zum Kirchspiel Wattenscheid, das dem Erzbistum Köln zugeordnet war.
Durch das stetige Wachstum des Ruhrbergbaus gegen Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Einwohnerzahl Ückendorfs überdurchschnittlich an. Mit dem Beginn der Kohlenförderung auf der Zeche Holland in Wattenscheid im Jahr 1856, dem Beginn der Förderung auf der Zeche Rheinelbe im Jahr 1861 und auf der Zeche Alma im Jahr 1872 stieg die Bevölkerungszahl innerhalb von 35 Jahren auf das Vierzigfache an.
In kurzer Zeit entstanden in Ückendorf die entsprechende Infrastruktur sowie Arbeiterkolonien für die Bergleute. Der Industrieboom hatte das Stadtbild rund um den Hauptbahnhof geprägt: ein „klassisches Ruhrgebiet“ mit der untrennbaren Vermengung von Wohnvierteln, Zechen, Stahlwerken und Gleisanschlüssen.
2.2 Strukturwandel und heutige Bedeutung
Mit der Krise des Ruhrbergbaus in den 1960er Jahren gerieten auch die in Ükdendorf ansässigen Folgeindustrien in schwieriges Fahrwasser. Einen neuen Aufschwung erhielt der Stadtteil mit dem Bau des neuen Marienhospitals Gelsenkirchen im Jahr 1970, das inzwischen zum akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Duisburg-Essen avancierte.
1995 eröffnete das Technologiezentrum im Wissenschaftspark Gelsenkirchen, der ursprünglich nach der Zeche Rheinelbe benannt war. Heute gilt Ükdendorf als Kreativquartier und hat sich zu einem lebendigen Kulturstandort entwickelt. Die Heilig-Kreuz-Kirche ist als Teil der Themenroute Sakralbauten in die Route der Industriekultur aufgenommen worden.
Der wichtigste Verkehrsknotenpunkt des Stadtteils ist der Ükdendorfer Platz, von dem aus zahlreiche Verbindungen in das Gelsenkirchener Stadtgebiet und zu den umliegenden Kommunen bestehen.
3. Die Zeche Alma
Die Zeche Alma war eines der bedeutendsten Steinkohle-Bergwerke in Gelsenkirchen-Ükdendorf. Ihre Geschichte reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück und ist eng mit der industriellen Entwicklung des gesamten Stadtteils verbunden.
3.1 Historische Fakten im Überblick
| Standort | Almastraße, Gelsenkirchen-Ükdendorf |
| Gründung | 1855 als Gewerkschaft Neu-Uerdingen |
| Förderbeginn | 1872 (Schacht 1) |
| Betriebsende | Ende der 1970er Jahre |
| Heute | Alma Park – Europas größter Indoor-Freizeitpark |
3.2 Gründung und frühe Geschichte
Ab 1848 begannen die ersten Mutungen und Verleihungen im Bereich der Gemarkung Ükdendorf; dieser Prozess war erst 1860 abgeschlossen. Der Betrieb begann zunächst unter dem Namen der ersten Mutungen als Neu-Uerdingen. Wegen Kapitalmangels wurden die Abbaurechte schon früh an kapitalstärkere Investoren veräußert.
Im Jahr 1855 wurde die Gewerkschaft Neu-Uerdingen gegründet. Die Kuxmehrheit lag in Händen der französischen Firma Société des mines et fonderies du Rhin Détillieux et Cie. Das gesamte Grubenfeld erstreckte sich überwiegend unter den Gemarkungen Bulmke und Hüllen. Der 1870 an der Köln-Mindener Eisenbahn begonnene Schacht 1 nahm im Jahr 1872 die Förderung auf und wurde mit einem charakteristischen Malakowturm ausgestattet.
Der Name „Alma“ leitet sich vermutlich von der Schlacht an der Alma ab, die im Jahr 1854 – ein Jahr vor Gründung der Gesellschaft – am Fluss Alma unweit von Sewastopol im Rahmen des Krimkrieges zwischen Franzosen und Russen ausgetragen worden war. Im Jahr 1873 erfolgte die Umbenennung der Gewerkschaft in „Gewerkschaft Alma“, nachdem die Uerdinger Investoren die Gesellschaft verlassen hatten.
3.3 Die Gelsenkirchener Bergwerks-AG
Auf Initiative von Friedrich Grillo und Emil Kirdorf wurde 1877 die Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) gegründet, um die in der Emschermulde fördernden Schachtanlagen unter deutscher Geschäftsführung zusammenzufassen. Die Zeche Alma wurde zusammen mit der benachbarten Zeche Rheinelbe als erster Bergwerksbesitz im Jahr 1878 von der neuen Gesellschaft übernommen. Die beiden Zechen wurden zusammengefasst und fortan als Zeche Vereinigte Rheinelbe & Alma weiterbetrieben.
Von 1877 bis 1879 und von 1882 bis 1887 war die Zeche Rheinelbe & Alma die größte Zeche im gesamten Ruhrgebiet. Mit der Übernahme durch die Vereinigten Stahlwerke im Jahr 1926 erfolgte auch die betriebliche Fusion beider Anlagen im Jahr 1928.
3.4 Die Kokerei Alma
Als die Schächte 1, 2 und 5 der Zeche Alma bereits stillgelegt und verfüllt waren, wurde von 1927 bis 1928 auf dem Gelände der Zeche Alma die Zentralkokerei Alma errichtet. Sie wurde am 29. März 1928 in Betrieb genommen und ersetzte dabei die veralteten Kokereien der Zeche Rheinelbe und der Zeche Pluto.
Die Kokerei Alma war die erste Gesamtanlage, bei der die Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer ihre gewünschte enge Zusammenarbeit von Architekten und Ingenieuren bei der Planung technischer Bauwerke realisieren konnten. Dadurch entstand anstelle der sonst üblichen unübersichtlichen Anlagen eine ruhige, durchgehende Gestaltung aller Anlagenteile im Stil des Backsteinexpressionismus.
Die Kokerei verfügte über 143 Verbundöfen mit einer Tageskapazität von bis zu 2.100 Tonnen Koks und beschäftigte zuletzt 350 Arbeiter und Angestellte. Im Jahr 1963 wurde die Kokerei stillgelegt. Das ehemalige Verwaltungsgebäude, ein Bauwerk im neoklassizistischen Stil in Ziegelmassivbauweise, wurde 1982–1983 mit Landesmitteln restauriert. Seit dem 8. Oktober 1987 steht es auf der Denkmalliste der Stadt Gelsenkirchen.
3.5 Nachfolge: Der Alma Park
Heute erinnert der Alma Park an die Stelle der ehemaligen Zeche. Auf dem Gelände des früheren Bergwerks befindet sich heute Europas größter Indoor-Freizeitpark. Er ist nicht nur ein Ort des Vergnügens, sondern auch ein lebendiges Denkmal für die industrielle Geschichte der Region und erinnert an die Zeiten, in denen Kohle die wirtschaftliche Grundlage der Region bildete.
4. Die Zeche Rheinelbe
Die Zeche Rheinelbe war ein weiteres bedeutendes Steinkohlen-Bergwerk in Gelsenkirchen-Ükdendorf und einer der ältesten Bergbaubetriebe in der Region. Ihre Geschichte reicht bis in die Gründungsphase des Ruhrbergbaus zurück und hat das Stadtbild Ükdendorfs nachhaltig geprägt.
4.1 Historische Fakten im Überblick
| Standort | Rheinelbestr. / Leithestr., Gelsenkirchen-Ükdendorf |
| Erste Mutungen | 1848 |
| Förderbeginn | 1861 (Schacht Meyer) |
| Stilllegung | 1928 (Förderung eingestellt) |
| Heute | Skulpturenwald, Halde Rheinelbe, Tagungshotel lichthof |
4.2 Gründung und Entwicklung
Die ersten Mutungen im Bereich der Gemarkung Ükdendorf erfolgten im Jahr 1848. Im Jahr 1854 erwarb die Société des mines et fonderies du Rhin Détillieux et Cie. den Grubenfeldbesitz und schloss ihn in der Gewerkschaft Rheinelbe zusammen. Der Name wurde aus den Grubenfeldern gewählt, die früher in Händen rheinischer und hamburgischer Kapitalgeber standen – die Bezeichnung soll die Lage zwischen dem Rhein und der Elbe andeuten.
Ab 1855 wurde mit dem Abteufen des Schachtes Meyer sowie eines Wetterschachtes begonnen. Umfangreiche Wasseransammlungen behinderten die Abteufarbeiten erheblich und mussten zeitweise für Monate ausgesetzt werden. 1861 konnte Schacht Meyer die Förderung aufnehmen.
Die Zeche Rheinelbe wurde nach ihrer Übernahme durch die Gelsenkirchener Bergwerks-AG als Vereinigte Rheinelbe & Alma weiterbetrieben. Im Jahr 1928 stellte die Zeche Rheinelbe die Förderung ein, und die verbliebenen Abbaufelder wurden auf die Zechen Alma und Holland aufgeteilt. Die Rheinelbe-Schächte blieben bis in die 1960er Jahre in Betrieb.
4.3 Das heutige Gelände
Von der Zeche übrig geblieben sind die als Weiterbildungseinrichtung „Lichthof“ umgenutzte Maschinenhalle sowie die ehemaligen Werkstätten, in denen sich heute Künstler-Ateliers und Firmensitze befinden. Die ehemaligen Schachtöffnungen sind mit Schildern gekennzeichnet. Das Werksgelände überzieht heutzutage der Skulpturenwald